Referat: am 19.01.2001 in der Erlöserkirche
"Christ sein in Gütersloh"

 

von Sabri Aydin, Pfr.

Meine Damen und Herren,
Liebe Mitchristen der verschiedenen Konfessionen,

die syrisch-orthodoxe Kirche ist in Gütersloh längst keine Unbekannte mehr. Dennoch zählen wir nicht zu den alt-eingesessenen Konfessionen Deutschlands. Unsere Geschichte und Herkunft führt in gerader Linie, also ohne missionarische Vermittlung, bis zu den Aposteln und an die Wiege des Christentums im antiken syrischen Raum und in seiner alten Hauptstadt Antiochien, wo die Christen erstmals (Christen) genannt wurden - Apostelgeschichte: 11, 26. Aber hier in Deutschland ist unsere Kirche keine dreißig Jahre alt; in Gütersloh ist sie wohl die jüngste. Und vielen unserer Mitchristen hier ist immer noch nicht klar, dass wir Christen sind und unsere Gotteshäuser Kirchen und nicht Moscheen. Als kostbares Erbe unseres frühchristlichen Ursprungs bewahren wir eine altkirchliche Liturgie in aramäischer Sprache, der Sprache Jesu und seiner Jünger; und die Muttersprache der meisten von uns ist Turyoyo, ein aramäischer Dialekt.

Aber die Mehrzahl unserer Gläubigen (etwa 80 %) hat inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Sie bemühen sich hier um Integration und beruflichen Erfolg. Der Rückweg in den Tur Abdin - das ist die Heimat der meisten von uns - ist uns gesperrt. Der Tur Abdin im Südosten der Türkei gehört zu Mesopotamien und ist viertausendjähriges Kulturland. Zugleich ist er aber eine der abgelegensten und am schlechtesten erschlossenen Gegenden der Türkei, wo viele Dörfer erst in den siebziger Jahren Anschluss an das Stromnetz erhielten. Im Rückblick kommt es uns so vor, als habe sich bis dahin am Leben in unseren Dörfern seit dem Einzug des Islams, ja, in vieler Hinsicht sogar seit biblischen Zeiten nichts wesentlich verändert. Die Emigration nach Deutschland und Gütersloh war unser Sprung in die Industriegesellschaft, die von ständiger Innovation lebt.

Die Situation der Christen des Nahen Ostens war seit dem Aufstieg des Islams immer schwierig, entwickelte sich gerade im vergangenen Jahrhundert aber eher noch zum schlechteren. Die Kirche Christi hat niemals dauerhaft Frieden und Sicherheit: Das war unsere christliche Grunderfahrung, die wir nach Deutschland mitbrachten. Hier suchten wir Freiheit, Frieden und Rechtsicherheit. Dies trieb viele Christen von dort dazu, ihre Heimat zum Beispiel in Richtung Deutschland zu verlassen, zunächst als Gastarbeiter seit den sechziger Jahren, dann als Asylanten.

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Ökumenische Zusammenarbeit in Gütersloh
Ökumenische Zusammenarbeit in Gütersloh

 

Mit Gottes Hilfe ist es unseren Eltern und Vorfahren gelungen, durch 13 Jahrhunderte islamischer Herrschaft, unter harter Bedrückung und meist in Armut Jesus und seinem Evangelium treu zu bleiben. Hier müssen wir nun mühsam lernen, dass es in Freiheit und Wohlstand, in einem christlich geprägten Land, für uns wie für unsere deutschen Mitchristen vielleicht sogar noch schwerer ist, den lebendigen Glauben weiterzugeben! Unter den alten heimatliche Verhältnissen war unser Familienleben und somit das Glaubensleben von lauter Selbstverständlichkeiten bestimmt. Die scharfe Grenze zwischen aramäisch-christlicher Minderheit und türkisch- oder kurdisch-muslimischer Mehrheit ließ beim einzelnen Christen keine Zweifel an seiner Kirchenzugehörigkeit aufkommen. Häufiger Kirchgang, Wallfahrten ins Kloster und lange Liturgien waren selbstverständlich. Das Feiern der großen Feste und das Fasten davor waren selbstverständlich. Frühe Heirat und Kinderreichtum warendie Regel. Eine Ehescheidung unter Christen gab es zu meiner Zeit im Tur Abdin, also im Umkreis von 50 Kilometern, nur ein einziges Mal.

Für Jugendliche in Deutschland (aber nicht nur für Jugendliche), ganz gleich welcher Herkunft, ist in Fragen des Glaubens und der Lebensführung entweder nichts selbstverständlich oder sogar das Gegenteil dessen, was bei uns früher galt! Diese Situation ist für unsere älteren Gläubigen, für die der Verlust der Heimat eine offene, unheilbare Wunde ist, kaum zu begreifen. Für unsere Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die hier ja einigem Anpassungsdruck ausgesetzt sind, ist sie allzu oft eine Quelle der Desorientierung. Beide Generationen fühlen sich dann oft überfordert und unverstanden, besonders in Familien, wo man Gespräche über Glaubens- und Lebensfragen früher wenig kannte, sondern einfach nur tat, was man doch immer schon getan hatte.

Liebe Zuhörer, wie Sie sehen, bringen Ihre Aramäer in Gütersloh ein Christentum mit, das kaum reicher an herrlicher und an trauriger Geschichte sein könnte, heute aber auch erhebliche innere Spannungen auszuhalten hat. Unsere Kirche will nicht das Getto, aber wir wünschen, auch unter den ganz neuen Bedingungen den christlichen Glauben in seiner syrisch-orthodoxen Gestalt zu leben. Und dafür hoffen wir auf das Verständnis und die Sympathie unserer deutschen Mitchristen.

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Empfang des neuen Erzbischofs Mor Dionysius Isa Gürbüz durch Geistliche
Empfang des neuen Erzbischofs Mor Dionysius Isa Gürbüz durch Geistliche

 

Seit wir ab 1972 nach Gütersloh und Umgebung kamen, erfuhren wir von Seiten der katholischen und der evangelischen Kirche unschätzbare Hilfe, angefangen damit, dass uns ihre Kirchen zur Liturgiefeier und Räume zu Unterricht und Versammlung öffneten, solange wir keine eigenen Kirchen und Räumlichkeiten hatten. Wir bekamen gleich die weitentwickelte ökumenische Atmosphäre zu spüren, die in Deutschland herrscht, und wir freuen uns, am Miteinander der Kirchen hier längst beteiligt zu sein. Ich brauche das jetzt nicht breiter auszuführen. So gesehen können wir sagen, dass für uns die Ziele einer Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen schon vor einer möglichen eigentlichen Gründung in Gütersloh weitgehend erreicht sind.

Die Einrichtung einer ACK ist in unseren Augen daher nur konsequent. Wir hoffen, dass in der ökumenischen Landschaft hier auch die orthodoxen Beiträge, unserer und der unserer griechischen Schwesterkirche, gern gesehen werden.

 

Seit über 20 Jahren nimmt die Syrisch-Orthodoxe Kirche Gütersloh am ökumenischen Gottesdienst der Nationen teil:

 

Ökumenischer Gottesdienst der Nationen am Pfingstmontag 2001 in Gütersloh

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Ökumenischer Gottesdienst der Nationen am Pfingstmontag 2001 in Gütersloh
Ökumenischer Gottesdienst der Nationen am Pfingstmontag 2001 in Gütersloh

 

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