Christen in der Türkei |
Pfarrer Gerhard Dunker
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Ne mutlu türküm diyene. (Glücklich ist der, der von sich sagen kann, ich bin ein Türke). Dieser Satz Mustafa Kemal Atatürks prangt an vielen öffentlichen Gebäuden in der Türkei. Was Atatürk eher pathetisch ausdrückte, findet seinen praktischen Niederschlag in Artikel 3 und Artikel 5 der türkischen Verfassung. Hier ist von einer unteilbaren Einheit von Land und Nation die Rede. Den Begriff der Minderheit kennt die Verfassung nicht. Damit hat sich für weite Teile der türkischen Öffentlichkeit auch das Problem erledigt: Was es in der Verfassung nicht gibt, kann es in der Wirklichkeit auch nicht geben. In der Tat sind die christlichen Kirchen in der Türkei inzwischen eine so kleine Minderheit
geworden, dass man sie leicht übersehen kann. Lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der heutigen Türkei noch über 20 % Christen, sind es heute nur noch 0,1 %. Der Anteil der christlichen Bevölkerung in Istanbul ist seit 1914 von 46 auf augenblicklich etwa 1 % gesunken. Das heisst, alle christlichen Kirchen Istanbuls zusammen stellen noch einen Bevölkerungsanteil von gut 100 000 Menschen.
In den ersten Jahren nach 1936 erwarben Stiftungen, moslemische wie nicht-moslemische, zwar weiterhin Vermögen. Im Jahre 1972 eröffnete die Generaldirektion für Stiftungen, der die Stiftungen aller Religionsgemeinschaften unterstehen, jedoch erstmals ein Verfahren auf der Grundlage dieser
Verordnung gegen eine Kirche. Besonders betroffen waren in diesen Jahren Immobilien armenischer Stiftungen. Mehr als zwei Dutzend von ihnen sind faktisch enteignet worden. Das letzte Objekt war ein Geschäftshaus in der Fußgängerzone Istiklal Caddesi. Es war von einem armenischen Christen einer armenischen Stiftung vermacht worden. Genauso enteignet wurde 1998 ein 50 000 Quadratmeter großes Grundstück einer katholischen Gemeinde am Bosporus. Ebenfalls enteignet wurde die Grundschule des katholisch-armenischen Ordners der Mechitaristen. Der Grundbucheintrag wurde gelöscht, die Stiftung erhielt jedoch von dem neuen Eigentümer, der Firma Miltas, den Kaufpreis von 710 000 TL zurück (zur Zeit des Kaufs ca. 500 000 EUR, zur Zeit der Rückgabe 1,75 EUR).
Zur Situation der syrisch-orthodoxen Kirche
Innerhalb der christlichen Minderheiten ist die Situation für die aramäischen Christen am schwierigsten. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts leben ca. 2 000 000 aramäische Christen fast ausschließlich im Südosten der Türkei, im Gebiet um Mardin und Midyat, nahe der syrischen und irakischen Grenze. Heute sind sie von dort bis auf einen Rest ca. 2 300 Menschen entweder aus wirtschaftlichen Gründen weggezogen oder durch den Krieg der Türkei mit der PKK vertrieben worden. Viele ihrer Dörfer wurden zerstört. In Istanbul leben zur Zeit etwa 10 000 aramäische Christen, in Deutschland sind es bereits 90 000. Anders als die anderen Minderheiten ist es der syrisch-orthodoxen Kirche nicht möglich, sich auf Artikel 40 der Verträge von Lausanne zu berufen. Sie kann daher zum Beispiel nicht eigene Schulen betreiben. Sie kann auch nicht, was nahe läge, eine der vielen leer stehenden griechischen Schulen übernehmen. Diese Schulen würden dann nicht mehr ihren Stiftungszweck (Schule für Griechen) erfüllen und würden an den Staat fallen. Diese Situation ist für die Aramäer deshalb besonders dramatisch, da sie nur noch unter sehr erschwerten Bedingungen in der Lage ist, ihren Kindern ihre aramäische Muttersprache zu vermitteln.
Noch bedrohlicher ist die Lage im Südosten der Türkei, im Tur Abdin -Berg der Knechte Gottes- wie er von den aramäischen Christen genannt wird. Am 06. Oktober 1997 verbot der Gouverneur von Mardin den Klöstern Zafaran und Mar Gabriel, in Zukunft Gäste aus dem Ausland aufzunehmen und Religionsunterricht und muttersprachlichen Unterricht zu erteilen. Die Kenntnis der aramäischen Sprache ist Voraussetzung für die gottesdienstliche Feier der Liturgie. Das Verbot, diese Sprache an die nachwachsende Generation weiterzugeben, ist ein Todesurteil für eine religiöse und ethnische Minderheit. Der Schock unter den aramäischen Christen im Tur Abdin war dementsprechend groß. Nach vielen Gesprächen des Klosters Mor Gabriel, das im letzten Jahr sein 1600-Jähriges Bestehen feierte, wurde vom Gouverneur das Verbot, ausländische Gäste aufzunehmen, am 7. April 1998 wieder aufgehoben, das Verbot, die Kinder zu unterrichten, bleibt weiterhin be stehen. Zusammenfassung
Das Verhältnis zwischen den christlichen Kirchen und dem türkischen Staat ist spannungsreich und vielen Belastungen ausgesetzt. Die Türkei täte gut daran, sich von ihrem Trauma zu lösen, vor allem Griechen und Armenier seien die Speerspitzen feindlicher (christlicher) Mächte. Allein die geringe Zahl der im Land verbliebenen Christen führt diesen Gedanken ad absurdum.
Die heutige Situation der aramäischen Christen in der Türkei
In den 60er Jahren betrug die christliche Bevölkerung in den 55 Städten und Dörfern über 60.000. Die Auswanderung entvölkerte viele Dörfer, so dass sie 1989 nur mehr 15.000 und 1992 nur noch 7000 betrug. Mitte 1997 verblieben im Tur Abdin etwa 2500 Aramäer, verteilt auf 19 Dörfer und die Städte Midyat, Idil, Nusaybin, Mardin, Diyarbakir, Ömerli und Savur. Die Folgen der Abwanderung sind verheerend: 30 Dörfer sind leer, zehn Klöster und mehr als 100 Kirchen in den Pfarreien sind unbenutzt. Dennoch gibt es mehr als 70 Kirchen und sechs Klöster, die betreut werden; in einem Viertel der Dorfkirchen wird das tägliche Gebet gehalten. 10 Priester und 6 Diakone verrichten in den Kirchen des Tur Abdin ihren Dienst. Unter der Leitung von Erzbischof Timotheos S. Aktas leben elf Mönche und 20 Schwestern in den Klöstern. 15 Lehrer, jene von Mor Gabriel eingeschlossen, unterrichten Kinder und Jugendliche in aramäischer Sprache und Religion. Mor Gabriel ist sowohl das Zentrum der Erzdiözese Tur Abdin als auch ein wichtiges Zentrum für die Syrisch-Orthodoxe Kirche auf der ganzen Welt. Das Kloster und die Erzdiözese tun das Mögliche, um die Präsenz der Christen in dem Gebiet aufrecht zu erhalten. Durch sein Seminar hat es eine führende Rolle bei der Heranbildung des Klerus und der Religionslehrer. Viele seiner Absolventen arbeiten jetzt als Bischöfe, Priestür, Mönche und Religionslehrer, sowohl in der Heimat als auch in anderen Ländern.
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